© FOTO Christine Miess / TEXT Volkstheater

URFAUST / FAUSTIN AND OUT

J.W. Goethe / E. Jelinek

Seit Jahrhunderten ist der Literaturkanon des Theaters männlich dominiert. Klassiker von Frauen sind immer noch eine Randerscheinung. Zeit für einen feministischen Racheakt −

im Untergrund des Volx/Margareten


Wie ein Raubvogel stürzt sich Elfriede Jelinek in ihrem Sekundärdrama FaustIn and out auf Goethes Klassiker: „Die großen Kulturschöpfungen kommen ja nicht von der Frau. Aber manchmal kann sie wenigstens mit einem kleinen Daunenkissen auf den Marmor einschlagen.“ In Jelineks Überschreibung sickern moderne Fernsehbilder männlicher Gewalt – Fritzl, Kampusch, aber auch alltägliche Gewalterfahrungen überwiegend namen- und geschichtenloser Frauen. Jelinek gibt denen eine Stimme, die in der Öffentlichkeit zum Schweigen verdammt sind: „Ich schreie laut, dass alles erwacht. Aber wer sollte mich hören?“

MIT

Günter Franzmeier, Steffi Krautz, Sebastian Pass

und Nadine Quittner

 

REGIE Bérénice Hebenstreit

KOSTÜM U. AUSSTATTUNGSMITARBEIT Karoline Bierner

RAUMKONZEPT Ivan Bazak / LICHT Markus Hirscher

DRAMATURGIE Michael Isenberg

Premiere am 28.02.2020

Volx Margareten / Volkstheater Wien

 

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Pressestimmen

„Urfaust/FaustIn and out“ nach Goethe und Elfriede Jelinek kritisch und herrlich absurd bebildert im Wiener Volx/Margareten.

Die ach so ehrfürchtig weitergetragenen Menschheitsdramen sind zu eng. Sie bilden nicht alles ab, manches gar nicht. Ihr Genie ist ein Ergebnis von Hegemonie - nach einenhalb Stunden löst Urfaust/FaustIn and out im Wiener Volx mit neu gedichtetem Rap zum Angriff auf den Kanon, dieses von den Siegern der Literaturgeschichte gebaute Muss mit Werken von Männern, erklärt zum Erbe der Menschheit. Der ganzen? Nein. (...)

Regisseurin Bérénice Hebenstreit hat sich für den Text eine herrliche Bebilderung ausgedacht: Krautz hat (…) die Oberhoheit über den tiefergelegten Haushalt. Er wird von ihr höchst gewissenhaft, aber nach nicht immer einsichtigen Kriterien geführt. In Nonsenshandlungen ausufernde Verrichtungen, die sich um Socken (des Hausherrn?) drehen, konterkarieren die Härte des Textes. Fast mehr als mit seiner guten Absicht punktet der Abend mit der Absurdität in Wort und Bild.
Michael Wurmitzer, Der Standard

Im Theater freilich zählt nur die eine Frage: Funktioniert das auf der Bühne oder nicht? Die beantwortet Regisseurin Bérénice Hebenstreit im Volx Margareten mit einem eindeutigen Ja. In die Trümmer von Goethes „Urfaust“-Text, gelesen, nicht gespielt von Günter Franzmeier, interpoliert sie zuerst den Jelinek-Text wie einen süffisanten Kommentar, eine vorsichtige Übermalung folgt, dann schließlich die Übernahme. Feindlich oder freundlich - das bleibt die Frage. (...)

Bérénice Hebenstreit überzeugt in ihrer Inszenierung mit ungeheuer starken Bildern: Zwei Frauen und ein Mann, hier Mephisto samst Geistern, dort Stimmen für Jelineks Text, gefangen in einem Kreislauf der Sinnlosigkeiten. Beklemmend die Kellerszenen, brillant die feinen Clownerien mit ihren absurden Ritualen.
Edwin Baumgartner, Wiener Zeitung

In der zweiten Spielstätte des Wiener Volkstheaters, im Volx/Margareten, brachte Regisseurin Bérénice Hebenstreit eine Art Remix auf die Bühne - sie lässt Goethes „Urfaust“ auf Jelineks Text prallen. Dabei gelingt ihr ein äußerst intelligenter, ebenso schockierender wie witziger 90-Minuten-Theaterabend, der vom Premierenpublikum heftig bejubelt wurde. (...) Tolles, experimentelles Theater!
Guido Tartarotti, Kurier

„Mein Innen gehört dem Papa, mein Außen gehört dem Papa“, heißt es etwa. Und obwohl Sätze wie diese wiederholt schockieren, ist der Abend dabei auch redegewandt komisch. Zum Schluss gibt es eine verblüffende Rap-einlage von Nadine Quittner.
Sara Schausberger, Falter

Gleich vier Mal setzt Faust eingangs zu seinem Monolog „Habe nu, ach, Philosophie…“ an. Günter Franzmeier gibt ihm jedes Mal völlig andere Gewichtungen, und die Gedankenkurve schrammt immer irgendwo anders hin. Was aber immer gleich bleibt in dieser bizarr perpetuierten Eingangssequenz: Die erwachenden Geister schwanken und schlurfen als erstes zu einem Blecheimer und putzen sich die Zähne. Vor dem Erwachen des Selbstbewusstseins steht wohl das eingeübte Ritual, das erst überwunden sein will. (...)

In kurze, einprägsame, lehrstückhafte Szenen gliedert Bérénice Hebenstreit den Text, eng interpolierend aus dem von oben herabgeschleuderten Zitatwerk aus dem „Urfaust“, das sich umso grenzwertiger ausnimmt, je mehr die „Geister“ an Selbstbewusstsein und Aufsässigkeit zulegen. Die GegenspielerInnen des Vorlese-Faust wachsen rasch über Sofa, Kaffeeküche und Bügelbrett hinaus, womit die Ausstatterin Karoline Bierner ihr erzwungenes Lebensumfeld definiert hat. Bald sagt die GeistIn: „Wir sind in bester Form, wenn auch in weiblicher!“

Reinhard Kriechbaum, Nachtkritik

Böse und gescheit, stringente Bilder und doch ein konzentriertes Nachspüren des Textes. Die dritte Wiener Jelinek-Aufführung innerhalb weniger Tage erwies sich gestern, Freitag, Abend als die beste. Bérénice Hebenstreit hat Goethes „Urfaust“ mit Elfriede Jelineks „Sekundärdrama“ „FaustIn and out“ konfrontiert und verschnitten. Für das Resultat gab es im Volx/Margareten zurecht viel Applaus. (...)

Hebenstreit (…) setzt Günter Franzmeier auf dem Balkon vor ein Mikrofon und lässt ihn als Faust Passagen des Goethe-Originals lesen. Er beginnt mit dem berühmten Monolog „Habe nun, ach! / Philosophie, Juristerei und Medizin / Und leider auch Theologie / Durchaus studiert,…“ Viermal ist die Passage zu hören, immer ein wenig anders, beim dritten Mal in der von Christoph Marthalers legendärem Hamburger „Wurzel-Faust“ bekannten Version, die nur die Vokale verwendet. Die Rezitationen sind eine Hommage an das klassische, inhaltlich wie strukturell patriarchal geprägte Theater (…) Am Ende greift Nadine Quittner zum Mikrofon und wird aus Goethe und Jelinek mithilfe der Musikerin Kathrin Kolleritsch ein angriffiger Rap-Song. „Wir brauchen Geschichten“, heißt es da. „Wir können nur werden, was wir uns vorstellen können.“ Zu dieser Inszenierung könnte man sich vieles vorstellen. Etwa, dass sie ein Hit wird. Das Zeug dazu hätte sie.
Wolfgang Huber-Lang, APA

In einem kraftvollen Musikfinale erteilt die FaustIn dem „lieben Menschheitsdrama“ eine Abfuhr, sie rappt sich in Rage, hiphopt sich heraus aus dem engen Rahmen der „immer gleichen Bilder“ von Weiblichkeit. Mit diesem Höhepunkt entlässt einen der fulminante Abend in die Nacht.
Michaela Mottinger, Mottingers Meinung

 

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